Samstag, 21. August 2021

Wie man IT-Projekte in den Sand setzt: Psychologische Fassung


The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent full of doubt. 

Bertrand A. W. Russell

Über das Thema der missglückten IT-Projekte ist schon sehr sehr viel geschrieben worden. Dennoch scheinen vernünftige Ratschläge ungehört zu verklingen.

Die Performance von IT-Projekten ist unterirdisch und zwar schon lange ohne Aussicht auf Besserung. Wie kann das denn sein? Scheitern wird ja auch als Lernmöglichkeit oder Lerngelegenheit angesehen. Macht man denn immer dieselben Fehler? Im Zusammenspiel des Fortschritts von IT-Entwicklungshilfen, Rahmenwerken, Produktivitätstools, verbesserten Methoden, schnellerem Entwickeln etc. und den Entwicklern, das sind Menschen, muss sich das Problem lokalisieren.

Das langsamste Entwicklungstool in diesem Zusammenhang ist wohl das Kleinhirn oder die ursprünglichsten und ältesten Hirnregionen des Menschen. Gefühle und Wahrnehmung können vielleicht nicht genug von kognitiven und intellektuellen Leistungen eingehegt werden. In dieser Hinsicht bahnbrechend waren die Arbeiten von Herbert Simon und die sogenannte "bounded rationality" (Simon, 1947), die "Gut-genug-Lösung" an der Stelle des Optimums forderten. Die Hypothese hier ist, Menschen in IT (oder sonstigen) Projekten sind häufig emotional überfordert im Wechselspiel von Vernunft und Gefühl.

Häufige Topoi sind die sogenannten Kognitiven Verzerrungen: 

  • Optimismus ("optimism bias"), 
  • Planungshörigkeit ("planning fallacy"), 
  • verlochte Kosten-Verzerrung ("sunk cost bias") und 
  • Gruppendenken ("groupthink"). 

Kognitive Verzerrungen sind typische Denkmuster und Denkfallen, die in den letzten 70 Jahren systematisch erforscht wurden, auch mit ausgeklügelten Experimenten. Von grossem Interesse sind die speziellen Verhältnisse von Organisationen, d.h. Verwaltungen und Unternehmungen, die Individuen und Gruppen in einem hierarchischen Gerüst hineinsetzen und somit immer auch das sogenannte Agency-Problem umfassen, d.h. die Beziehung vom Untergebenen und seinem Chef im Spannungsfeld ihrer unterschiedlichen Interessen. Die intellektuelle Speerspitze um die Verzerrungen sind die Forscher Amos Tversky und Daniel Kahneman, letzterer mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und auch erfolgreich mit dem Bestseller "Thinking, fast and slow". 

Projekte

Der bekannte CHAOS-Report der Standish Group von 1995, ein Vierteljahrhundert alt, beschreibt schon damals als Erfolgsfaktoren, was wir heute als "agil" kennen:

Research at The Standish Group also indicates that smaller time frames, with delivery of software components early and often, will increase the success rate. Shorter time frames result in an iterative process of design, prototype, develop, test, and deploy small elements. This process is known as "growing" software, as opposed to the old concept of "developing"software. Growing software engages the user earlier, each component has an owner or a small set of owners, and expectations are realistically set. In addition, each software component has a clear and precise statement and set of objectives. Software components and small projects tend to be less complex. Making the projects simpler is a worthwhile endeavor because complexity causes only confusion and increased cost.

Die neuesten Erkenntnisse als fast notwendige Voraussetzungen für erfolgreiche IT-Projekte lauten:

1)  Projekte müssen klein sein,

2)  der Product-Owner muss sehr kundig sein ("highly skilled"),

3) der Entwicklungsprozess muss "agile" sein,

4) das agile Team muss "highly skilled" sein bezüglich agiler Prozesse und Technologie,

5) die Organisation, d.h. die Unternehmung, muss "highly skilled" sein bezüglich emotionaler Reife.

Der letzte Punkt unterstreicht die emotionale Dimension, die in den alten Prozess- und Verfahrensmethoden überhaupt keinen Platz einnehmen. Die Emotionalität ist ein wesentlicher Faktor in der Entscheidungsfindung, die wiederum die traditionelle hierarchische Hackordnung durcheinanderwirbelt. "Ich entscheide, weil ich der Chef bin", "ich bin der Chef, weil ich der beste bin, weil ich mich im Auswahlprozess durchgesetzt habe" etc. ist typisch unreif. In Gremien sitzen neben dem Chef weitere Leute, die er offensichtlich als Mitverantwortliche braucht aber seine Meinung mit Suggestion oder anderen Mitteln durchsetzt. Wie schon Bertram Russell treffend sagte, grosses Selbstvertrauen fusst nicht immer auf Intelligenz. Allerdings wirkt sich ein taumelndes Projekt auf die Stimmung aus: der CEO ist nervös, beschwört seine Truppen zum Durchhalten, bedroht potentielle Abtrünnige etc. und erhält deshalb nur noch relativ positive unkritische Rückmeldungen, an die er sich klammert. Alles wird als extrem komplex hochstilisiert, wobei vergessen geht, dass Komplexität ein relativer Begriff ist. Die Komplexität wird dann durch mehr unkundige Projektmitarbeiter selbst erzeugt.

Hinzu kommt das angepasste Denken innerhalb der Gruppe, als groupthink bezeichnet (Behavioural Insights Team, 2017, 13): 

Most commonly, groupthink refers to the emergence of a middle-ground, non-contentious viewpoint, arising because people are wary of challenging others’ views or of creating conflict.

Das Nicht-mehr-seine-Meinung-Sagen erzeugt enorme Effizienzverluste und Frustrationen.

Ein probates Management-Mittel ist der Beizug von externen Experten. Diese werden beauftragt, das Projekt zu verbessern, aber selten, dieses auch zu kippen. Sie versuchen also, innerhalb der möglicherweise falschen Prämissen, das beste zu machen, den Auftraggeber nicht vor den Kopf zu stossen, sondern eher ihn zu bekräftigen (Nachfolgeaufträge). Da sie aber zu viel kosten, sind sie nach ein paar Präsentationen wieder weg. Als Selbstverteidigung dienen sie allemal: Die Besten waren beteiligt, hoch professionell.

Die meisten IT-Projekte erleben relativ schnell erste Dämpfer, die man noch mit geringem Aufwand beheben kann. Wenn das Projekt dann immer problematischer wird, ist es eben Zeit, den "advocatus diaboli" einzuschalten, der mit allen Mitteln versucht zu erklären, wieso das Projekt scheitert und die Gegenpartei zwingt, gute Argumente für das Projekt zu liefern. Aber dies setzt die obige emotionale Reife voraus, die impliziert, dass man halt ein Projekt auch in den Sand setzen kann. Dies findet aber sehr selten statt, weil das Agency Problem ("Stellvertreter-Problem") auftaucht.

Verzerrungen

Wann ist ein Projekt zum Scheitern verurteilt? Für den festgefahrenen Manager natürlich nie. Die Hinweise sind mehrere: Das Projekt ist stark verspätet, die Zwischenergebnisse sind nicht überzeugend, die Kommunikation mit den Entwicklern ist schwierig, Probleme werden anderen zugeschoben, die Entscheidungen werden Gremien zugewiesen, die Bürokratie wächst, es entstehen Zweifel an den Prämissen, Erwartungen werden nicht erfüllt usw. Es breitet sich Nervosität und Hektik aus; Mitarbeiter werden unsicher und verlassen die Firma. Jede Mikro-Entscheidung in einem Projekt kostet Tausende Franken und benötigen viel Zeit. Wenn der Product-Owner nicht kundig ist, müssen Gremien entscheiden. Das Herumschieben von Entscheidungen ist ein gutes Mass für den Zustand eines Projektes.

Dahin kommt man, weil man notorisch zu optimistisch ist (auch aus Selbsterhaltungstrieb) und planungsgläubig (sowie zuwenig Domain-Knowhow besitzt). Zum "optimism bias" schreibt das Behavioural Insights Team (2017, 5):

In the context of project management this [optimism bias] leads to consistent over-estimation of success and benefit realisation, and under-estimation of cost and time  resources. Much of the miscalculation leading to project over-runs and over-spends occurs during the project planning phase, and so in this context the bias is commonly termed the planning fallacy.

Bei der Planung wird durchaus auf summarische Weise Verzerrungen Rechnung getragen, indem man grosszügige Zuschläge ("fudge factors") ansetzt. Dennoch misslingen die meisten Projekte mit Hinblick auf Leistung, Zeitdauer und Kosten. Man kann sich schon fragen, ob eine Vervierfachung als Puffer von Kosten und Dauer noch mit einer realistischen Planung in Einklang zu bringen ist.

Die psychologischen Verzerrungen, wenn sie nicht akurat bekämpft werden, bestimmen den Verlauf des Projekts. Das Projekt ist meist schon vor der Geburt tot.

Es gibt allerdings Ausnahmen: Das Manhatten-Projekt wurde vom Duo J. Robert Oppenheimer, einem Physik-Aussenseiter, und General Groves, einem in der Militärhierarchie wenig erfolgreichen Ingenieur, zum Erfolg geführt. Goodchild (1982) beschreibt als die hervorragendste Eigenschaft von Groves, dass er genau wusste, was er weiss und kann und was nicht. Das ist heute ein Karrierestopper.

Agency Problem

Das Agency-Problem ergibt sich aus der Informations-Asymmetrie zwischen Agent und Prinzipal, d.h. Untergebenen und Vorgesetzten, speziell zwischen Manager und Verwaltungsrat. Der Vorgesetzte muss sicherstellen, dass der Untergebene das Gewollte macht und nicht nur seine Eigeninteressen verfolgt. Der Untergebene kontrolliert aber weite Strecken der Information. Beim Sunk-Cost-Bias, der Verzerrung aufgrund der emotionalen Bindung an schon verlochte Kosten und deren überflüssigen Einfluss auf Entscheidungen, will man diese uneinbringlichen Kosten nicht verloren geben, hofft sie wieder einzubringen (man danke an den gambler's ruin). Die Anreize des Managers stimmen nicht mehr mit den Zielen des Unternehmens und seiner Anteilseigner überein. Kahnemann (2017, 425) schreibt treffend:
Die »Steigerung des Einsatzes« (escalation of commitment) bei zum Scheitern verurteilen Projekten ist ein Fehler aus der Perspektive der Firma, aber nicht unbedingt aus der Sicht des Managers, der für ein fehlgeschlagenes Projekt zuständig ist und sich damit identifiziert hat. Das Aufgeben des Projekts wird einen dauerhaften Makel in der Erfolgsbilanz des Managers erzeugen, und seinen persönlichen Interessen ist vielleicht am besten gedient, wenn er weiter die Finanzmittel der Organisation aufs Spiel setzt, in der Hoffnung, die ursprüngliche Investition wieder hereinzuholen - oder zumindest in dem Bestreben, den Tag der Abrechnung hinauszuschieben.

Ein solcher Manager ist, so Kahnemann, nicht mehr haltbar und muss ersetzt werden. Oft kommt nicht unbedingt ein fähigerer Manager nach, sondern einer, der nicht mit diesen Sunk-Cost belastet ist. Verwaltungsräte müssen hier über ihren Schatten springen, besonders wenn sie sich zu stark mit dem Manager verbandelt haben. Sie müssen dann die Karte ziehen, auf der steht: Wir sind nicht richtig informiert worden! Das ist aber deshalb problematisch, weil man ja die zwei Hauptdimensionen Gestalten und Kontrollieren bewirtschaftet. Praktischerweise verabschiedet man den Manager, indem man seine grossen Taten lobt und darauf hinweist, dass sich die Anforderungen und der Kontext so radikal verändert haben, dass man ander Qualifikationen braucht.

Fazit

Gartner, ein Informatik-Marktinformation- und Analyse-Anbieter, sagte schon vor Jahren, dass jede, ja jede, Unternehmung eine IT-Unternehmung sei. Damit ist klar, dass die Unternehmensleitung angemessene Spezialisten in der obersten Leitung haben muss. Noch stemmen sich viele Unternehmungen dagegen, solange die "illusion of satisfactory underperformance" weiterhin greift. Man will gar nicht wissen, wieviel besser man sein könnte sondern vergleicht sich mit den ebenfalls selbstzufriedenen Peers. 

Vor dem Projekt definiert man dessen Erfolgswahrscheinlichkeit. Hier sollte absolute Klarheit über die Prämissen herrschen und eine kritische Selbstbefragung oder Fremdanalyse mit Bezug von psychologischen Verzerrungen durchgeführt werden. Experten zu finden, die einem gegen Geld zustimmen, reicht nicht.

Ein taumelndes Projekt einfach neu zu starten wird zwar häufig versucht, es erreicht aber das Ziel nicht. Es braucht die emotionale Reife einer Organisation, vor allem des Managers, ein Scheitern frühzeitig einzugestehen. Nur so bekommt er eine zweite Chance, dem Verwaltungsrat bleiben einschneidende Massnahmen erspart und der Eigner verliert nicht unsinnig viel Geld.

Scheitern ist eine Frage der Kultur. Die meisten Unternehmungen verstehen aber unter Kultur einen Satz von Begriffen ("Innovation", "Kundenfokus", "Fairness", "Selbstverwirklichung" etc.), die die Mitarbeiter, um zwei Uhr früh aufgeschreckt, auswendig hersagen können sollen.



References

Behavioural Insights Team (2017), A review of optimism bias, planning fallacy, sunk cost bias and groupthink in project delivery and organisational decision making, HM Government, London. 
https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/627790/lit-review-exploration-of-behavioural-biases.pdf

Goodchild, P. (1982). J. Robert Oppenheimer eine Bildbiographie. Basel, Boston, Stuttgart: Birkhäuser.

Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.

Kahneman, D. (2017). Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag.

Simon, H. (1947). Administrative behavior : a study of decision-making processes in administrative organizations. New York: Macmillan.


Dienstag, 6. April 2021

Corona und Covid-Modellierung -- Plädoyer für die Beibehaltung von Massnahmen

Aber du steure vorbei, und verkleibe die Ohren der Freunde

Liebe Lesende, ich habe den ursprünglichen Post stark redigiert und die Totzeit getötet.

Wie der Philosophieprofessor Harry Frankfurter von Princeton schon darlegte, Bullshit ist überall. Das kann man natürlich stark bedauern, vor allem wenn man nicht im Dünger-Business ist. Oder eben selber ausnutzen, um irgendeinen Senf im Bewusstsein der Menschheit zu deponieren. Das ist heutzutage absolut legitim, denn die Leser gehen nicht davon aus, dass der Schreibende irgendetwas versteht, es möglicherweise ohnehin abgekupfert hat. Er oder sie geht davon aus, dass der Schreibende treu zu seiner Authentizität ist, also glaubt, was er sagt, auch wenn es nur Blödsinn ist. In diesem Sinne folgt eine Senfablagerung, auf die die Menschheit sicher nicht gewartet hat, aber der Selbstverherrlichung des Schreibenden nützlich ist. Da man heute ja psychologisch stark unter Druck ist, kann man auch eine therapeutische Zielsetzung dieses Blogs unterstellen, also prodesse für den Schreiber und delectare für wen auch immer.

Zielsystem?

Das Beherrschen der Pandemie ist offensichtlich ein Optimierungsproblem, wobei erschwerend die Zielfunktion eine politisch-wirtschaftliche und somit gesellschaftliche ist. Zudem wird ja nicht in diesen Kategorien diskutiert, also beispielsweise: Optimiert wird die Anzahl Tote unter der Nebenbedingung von nicht überlasteten Intensivstationen. Oder: Die Zielfunktion ist die minimale Minderung des Bruttosozialprodukts unter den Nebenbedingungen von akzeptablen Todesfälle und  beschränkter Gesundheitskosten etc. Da man sich nicht auf ein Ziel festlegen kann, resultiert eine Art latenter gewichteter Index von Zielgrößen. Die Gewichte entsprechen dem politischen und gesellschaftlichen Druck auf den Regler, d.h. den Staat. erschwerend kommt hinzu, dass einige wichtige Grössen nicht beobachtbar sind und, schlimmer, dass man gewisse Grössen nicht richtig beobachtet, z.B. die Übersterblichkeit nach Altersgruppen, oder Daten viel zu langsam und unsystematisch gesammelt werden. Dies geht mit der absurden Meinung einher, man gehöre zu den Digitalisierungs-Weltmeistern.

Daten

Abb 2: Normierter Zeitablauf von Todesfällen, Infektionen und Massnahmen in der Schweiz (Quelle: https://ourworldindata.org/).

Abbildung 2 zeigt die Todesfälle, Infektionen und Maßnahmen anhand des Stringency Indizes, der von Wissenschaftlern von Oxford entwickelt wurde. Er umfasst neun möglichst wenig korrelierte Elemente zusammen und ist auf maximal 100 normiert. Er versucht die polizeilichen Massnahmen, also Hygiene, Laden- und Schulschließung etc., der einzelnen Länder auf einen Wert abzubilden. Die Abbildung ist wiederum skaliert, denn hier interessiert vor allem die Verzögerung von Infektion und Tod sowie der Zusammenhang von Massnahmen mit den Todesfällen. Wir sehen zwei Spitzen um Ende März und Mitte Oktober herum. In der ersten Spitze war die Schweiz von ausländischen Verhältnissen gewarnt und hat deshalb noch vor den Fällen stark reagiert in einer Schärfe von rund 75 von 100. Beim zweiten Peak kam die Aktion zu spät und zu gering. Hier kommt blau nach rot. Die Todesfälle hinken rund einen Monat hinterher.

Der Stringency Index kann als Bindeglied zwischen Todesfällen und wirtschaftlichen Kosten angesehen werden. Die Einbußen der Wirtschaft sind abhängig von der Stärke der Massnahmen, die wiederum einen Einfluss auf die Todesfälle haben. Man erfährt aber, dass die Wirkung von Massnahmen verzögert sind und eine Quantifizierung oder Modellierung eher schwierig ist. Zudem ist der Index keine glatte Funktion, was wiederum einer einfache Optimierung hinderlich ist.

Abb. 3: Todesfälle pro Million in den drei Ländern Schweiz, Italien und Deutschland(Quelle: https://ourworldindata.org/).
Die Abb. 3 zeigt zum einen, dass beim zweiten Peak die Sterberate ungefähr dasselbe Maximum erreicht. Im ersten Peak ist es ganz anders. Hier ist es möglich, dass die zahlreicheren Alten in Italien das Bild beherrschen. Sind diese vom Sensenmann geerntet worden (im Englischen spricht man von Harvesting), dann bleibt eine ähnliche Disposition übrig. Die Flächen unter dem Peak sind ebenfalls ähnlich, so dass hier keiner der drei Staaten besser davongekommen ist. Einzig die zeitliche Verschiebung und die Schiefe der Kurve sind für Deutschland auffallend anders. Zum dritten sieht man für Italien einen deutlichen Neuaufschwung, der wohl der aggressiveren Mutation zuzuschreiben ist, falls sie im Süden schneller und früher Fuss gefasst hat oder die Altersstruktur erneut stärker belastet. 

Abb. 4: Der Verlauf des Stringency Indizes für die drei Länder(Quelle: https://ourworldindata.org/).
Abbildung 4 zeigt die indexierten Massnahmen der drei analysierten Länder. Die Schweiz hat laut dieser Messmethode beinahe durchgehend die geringsten Massnahmen  getroffen und wie Italien den zweiten Peak mit weniger Einschränkungen als bei ersten Peak. Hier wird wohl der Überdruss oder die Schutzmüdigkeit der Bevölkerung oder der Wirtschaft von den Regierenden berücksichtigt. Eigentlich hätte es wie in Deutschland sein sollen, nämlich striktere Massnahmen.
Abb. 5: Neuinfektionen nach Land im Zeitverlauf (Quelle: https://ourworldindata.org/)
Abbildung 5 zeigt die (geglätteten) Neuinfektionen pro Million Einwohner. In dieser Darstellung sieht die Schweiz besonders schlecht aus. In Zusammenspiel mit Abb. 4 könnte man unterstellen, dass je früher im Herbst Massnahmen getroffen worden sind, desto kleiner ist die Ansteckungsrate. Frühes Eingreifen scheint hochwirksam zu sein. Dennoch, wie Abb. 3 gezeigt hat, sind die Todesfälle hingegen wenig verschieden. 

Aus allen diesen Diagrammen ist es sehr schwierig empirisch aus dem Stringency Index auf die Todesfälle zu schließen. Für den Regeltechniker wäre ein evidenter Zusammenhang zwischen Maßnahmen und Todesfälle eminent wichtig. Man könnte den Fokus einfach auf die Ansteckungen legen, denn dann scheint die Abhängigkeit klarer und damit einem breiten Publikum besser vermittelbar. Welches ist aber der bessere Schätzwert für die Belegung der Intensivstationen? Mit jedem  Toten wird die Statistik besser weil die Übersterblichkeit stark von der Altersstruktur abhängt.

Das Modell

Wie sieht denn das Modell der Regelstrecke aus? Im Blog Coronavirus: Dynamik der Ausbreitung anhand des Standardmodells ging ich noch von einem SIS-Modell aus, d.h. die Infizierbaren (S für susceptibles) und die Infizierten (I für infected) sind die zwei Zustände. Damit wurde impliziert, dass es keine immunisierende Wirkung durch Infektion gibt, was sich als nicht zutreffend erwiesen hat. Zudem muss man die Impfungen neu ins Modell aufnehmen. Ein solches Modell könnte wie in Abb. 6 dargestellt aussehen: Neben den Ansteckbaren S, den Angesteckten I treten die Erholten (R für recovered) und die Geimpften (V für vaccinated). Als zulässige Vereinfachung nehmen wir an, dass die natürlichen Todesfälle durch die Geburten ausgeglichen werden und die Infizierten sich nicht impfen lassen können (gestrichelte Pfeil im Diagramm). Für eine kurze Periode bleibt die Bevölkerung also stabil.
Abb. 6: Das Zustandsdiagramm für das Modell
Das entsprechende Gleichungssystem ergibt sich einfach aus der Tatsache, dass sich der Inhalt eines Zustands nach Maßgabe von Zu- und Abflüssen ergibt. Dabei wird eine infinitesimale Änderung betrachtet, die wiederum mit der ersten zeitlichen Ableitung übereinstimmt. Die Variablen sind als Anteile anzusehen, so dass deren Summe immer gleich 1 ist. Beispielsweise muss man für S vier Beiträge (dicke Pfeile) berücksichtigen, für I drei, für R drei und für V ebenfalls drei.
Abb 7: Das Gleichungssystem. Der Operator D ist die Ableitung nach der Zeit (Gruss an Leo Euler). Die Totale Änderung der Zustände ist null.

Abb. 8: Die hier verwendete Definition des Reproduktionswertes R0.

Dieses Differentialgleichunssystem lässt sich recht einfach und stabil numerisch lösen, hier mit einer Funktion ode() aus dem R-Paket deSolve. Da es sich um ein Anfangswertproblem handelt, sind Werte für S(0), I(0) etc. vorzugeben. Die vielen Parameter und Anfangswerte schätzen wir aus der aktuellen Situation anfangs April mit insgesamt 10,359 Toten, 317,600 Erholten und 605,342 Infizierten. Uns interessiert vor allem die Sensitivität des Modell in Hinblick auf die zwei Parameter R und die Impfrate alpha und nu. R kodiert vor allem die Massnahmen, siehe index oben, als auch die Aggressivität des Virus. Aber auch häufiges Testen teilt Infektiöse ab und verringert damit die Übertragung. Abb. 9 zeigt die Lösung des Systems mit einem R-Wert von 1.8 und einer Impfrate von 1.5% (ziemlich optimistisch). Die exponentiell anwachsenden Infizierten werden von der Impfung antagonisiert.
Abb. 9: Die Lösungen des Differentialgleichungssystem. Die fünf Zustände addieren sich jederzeit zu 1. 
Abbildung 10 zeigt verschiedene Szenarien zum R-Wert und zur Impfgeschwindigkeit, die man um die Hälfte auf 1.5% erhöht hat. Beim R von 1.8 ist das anfängliche exponentielle anwachsen durch die Erhöhung der Steigung noch zu erkennen. Die Impfung hat es schwer, die Todesfälle niedrig zu halten. Der R-Wert ist in diesem Modell der viel sensiblere. Auch wenn das Modell eben nur ein Modell ist, so stimmt die Erkenntnis auch plausibel: Der R-Wert ist nicht allzu schnell durch Lockerungen von Maßnahmen aufzugeben.
Abb. 10: Drei verschiedene R-Werte mit zwei unterschiedlichen Durchimpfungsgeschwindigkeiten. Die Impfgeschwindigkeit ist von relativ untergeordneter Bedeutung im Vergleich zum R-Wert und damit zu den Massnahmen.
Wenn man nun die Dauer der Beibehaltung von Maßnahmen mit einem angenommenen R-Wert von 1.1 vergleicht (siehe Abb. 11), so spricht vieles für eine Mindestdauer von  zwei, drei Monaten!
Abb. 11: Szenarien für die Aufhebungsgeschwindigkeit von Massnahmen. Ein tiefer R-Wert ist für dieses Modell für mehr als einen Monat angesagt, um akzeptable Todesfallzahlen zu haben.

Update der Daten (2021-04-20)
Abb. 12: Links Tote, rechts Infektionen pro Mio.


Die sogenannte dritte Welle ist bezüglich Toter in Italien ersichtlich, in der Schweiz unklar und in Deutschland noch nicht sichtbar. Dass die Relation von Toten und Infizierten nicht eindeutig ist, verweist stark auf latente Faktoren (Virusvariante, Altersstruktur, Genetik, Luftverschmutzung,  etc.) oder doch auch unterschiedliche Definitionen. In Italien wurde auch schon behauptet, dass die beinahe zu Tode gesparten Spitäler gerne einen Corona-Zusammenhang berichten, um sich ein wenig stärker zu refinanzieren.

Schlussfolgerungen

1) Die untersuchten Länder haben in der zweiten Spitze alle zu spät reagiert. Im ersten Peak war die geographische Ausbreitung noch länderspezifisch unterschiedlich. Die später betroffenen (Schweiz) konnten aufgrund der Erfahrung im Ausland (Italien) schneller reagieren. Das war beim zweiten Peak nicht mehr so. Diese Tatsache wurde gar nicht erkannt.

2) Eine hohe Impfquote wird ausschlaggebend sein, um die Todesfälle zu stoppen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Wirksamkeit der Impfung hoch bleibt. Varianten mit höherer Übertragbarkeit erhöhen den R-Wert, der dann zu mehr Toten bis zum Stillstand führt. 

3) Die Wirkung der Impfungen muss durch eine Niederhalten des R-Wertes und damit mit der Aufrechterhaltung strenger  Maßnahme verstärkt werden. Denen, die aufgrund der anfänglichen Impferfolge zu schnellen oder augenblicklichen Lockerungen rufen, muss resolut entgegengetreten werden. Der Bundesrat könnte vielleicht gratis Wachs für die Ohren verteilen und sich selber am Mast festbinden. Der Anfang der Weltliteratur kündet *:
Aber du steure vorbei, und verkleibe die Ohren der Freunde
Mit dem geschmolzenen Wachse der Honigscheiben, dass niemand
Von den andern sie höre. Doch willst du selber sie hören; 
Siehe dann binde man dich an Händen und Füßen im Schiffe,
Aufrecht stehend am Maste, mit festumschlungenen Seilen:
Dass du den holden Gesang der zwei Sirenen vernehmest.


*) http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee/12.+Gesang







Samstag, 6. Februar 2021

On my armrest: Lesen in der Pandemie

Nicht nur in der Pandemie sondern ganz allgemein ist der Schreibende ein grosser Leser. Das führt ab un an zu Konflikten mit meinen mitbewohnenden Familienmitgliedern. Mein Arbeitgeber hat mir vor ein paar Tagen meine Bücher aus dem Bureau nach Hause liefern lassen. Siebzehn Kisten.

Gemäss einer Umfrage der lokalen Tageszeitung würden 44.5% im Bett lesen, auf dem Sofa 29.2, im Sessel 15%, in öffentlichen Verkehrsmittel 5.7, am Schreibtisch 5.5,  in Badewanne 1 und im Café 1 v.H. Ich bevorzuge auch das Sofa, wobei Sessel für mich kein qualitativer Unterschied darstellt. Von einem amerikanischen Komiker ist das Bonmot bekannt: "Männer, die Frauen lesen können wie offene Bücher, lesen am liebsten im Bett". Dies wird in dieser Befragung allerdings nicht erhärtet. Bei diesem Bonmot fragt sich in der heutigen Zeit der Korrektheit, ob man nicht Frau und Mann permutieren oder kombinieren muss und vielleicht die Grundmenge erweitern soll, um alle Konstellationen abzudecken, vielleicht mit den Worten permutatis permutandis?

Dem Sofaleser bieten sich die Armlehnen als mehr oder weniger temporäre Ablageflächen an. Da ich in der glücklichen Lage bin, vier Sofas in meiner bescheidenen Behausung zur Verfügung zu haben, ergibt dies acht Armlehnen. Diese nehme ich allerdings nicht alle in Beschlag.  

Die Auswahl spiegelt meine momentanes Interesse um Steuern, Macht und Geschichte.

Erste Armlehne

Auf dieser Stütze finden sich drei Bücher, die sich mit der Überlappung von Geschichte und Soziologie befassen:
  1. Ladurie, Emmanuel. Montaillou, village occitan de 1294 à 1324. Paris: Gallimard, 2008. 
  2. Simmel, Georg. Philosophie des Geldes. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989. 
  3. Dürrenmatt, Peter. Schweizer Geschichte. Zürich: Schweizer Verlagshaus AG, 1963.
Das Buch über Montaillou, einem Bergdorf im Südwesten Frankreichs, am Fusse der Pyrenäen, ist das detaillierteste und deshalb hervorragendste Zeugnis einer Gemeinschaft und Gesellschaft im Übergang vom 13. zum  14. Jahrhundert. Die Originalaufzeichnungen aus Befragungen des Bischofs und Inquisitors Jacques Fournier, dem späteren Papst Benedikt XII, über einen Zeitraum von dreissig Jahren. Das Buch von Ladurie komponiert aus dem Original sehr viele soziologisch-ethnographische Themen, wie etwa die Familie und das Haus, die Liebe, Religion usw. Als Hauptakteur stellt sich Pierre Clergue heraus, der sowohl katholischer Priester als auch häretischer Albigenser ist, der Sekte zugehörig, der das Augenmerk des Inquisitors gilt.  Sein Bruder ist der Vogt (baile), und zusammen gehören sie zur dominierenden Familie (domus) in Montaillou. Dieser Pierre ist aber auch ein Mann starker Libido, dem sich die Frauen gerne hingeben. Es gilt das Verständnis, dass guter Sex keine Sünde ist. Es steht über ihn (Ladurie, 2008, 225):
Il épargne à ses conquêtes l'ennui des avant-propos; il marche droit au but. Mais sans forcer rien ni personne. Le pouvoir en effet n'exclut nullement la douceur, parmi les paysan "brutaux", le prêtre, lui, sait être compréhensif avec les femmes.

Mein Interesse gilt vor allem der Gesellschaftsstruktur und den Abgaben (dîme, der Zehnt) für Kirche und Herrschaft etc.

Georg Simmel ist ein Soziologe der ersten Stunden, d.h. von der vorletzten Jahrhundertwende. Hier interessiert die Soziologie des Geldes, das mit der Evolution der Gesellschaft und des Geldwesens, interessante Aspekte hergibt. Eine kleine Kostprobe:

Das Geld hat jene sehr positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffe der Charakterlosigkeit bezeichnet.

Dem Menschen, den wir charakterlos nennen, ist es wesentlich, nicht durch die innere und inhaltliche Dignität von Personen, Dingen, Gedanken sich bestimmen zu lassen, sondern durch die quantitative Macht, mit der das Einzelne ihn beeindruckt, vergewaltigt zu werden.

Die Simmel-Ausgabe ist von der Deutschen Bank, meinem weit zurückliegenden Arbeitgeber, unterstützt worden. Die Bank galt damals als sehr elitär und gerade deshalb als sehr kulturbeflissen. Dieses Klima hab ich genossen. (An der Bereichsvorstandssitzung sage ich zur neuen Marketingkampagne "Wie entsteht das Geld?": Das ist wohl ein Oxymoron. Worauf mein Kollege antwortet: ich kenne viele Morons aber diesen nicht.)

Im Buch von Peter Dürrenmatt möchte ich vor allem verstehen, wie es der Eidgenossenschaft gelang den Landesherrn abzuschütteln, der ja die höchsten Steuern verlangte und nur noch unter dem Schirm des Kaisers zu bleiben. Die Eidgenossen profitierten häufig von der Tatsache, dass die Obervasallen Probleme mit der Kontinuität der Herrschaftsausübung erlitten. Einem tüchtigen Fürsten folgte ein bevormundetes Kind oder ein schwacher Herr.

Abbildung 1: Erste Lehne

Zweite Armlehne

Hier liegen, aufgeschlagen oder mit Lesezeichen versehen die zwei Bücher:
  1. Gonick, Larry. The cartoon history of the universe. New York: Doubleday, 1990. 
  2. Schultz, Uwe. Mit dem Zehnten fing es an:  Eine Kulturgeschichte der Steuer. Frankfurt am Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1988.
Das zweite Buch enthält 21 Beiträge von gleicher Länge. Denn es sind Texte, die als Rundfunksendungen ausgestrahlt wurden.  Sie geben einen guten, wenn auch nicht ganz synthetischen Überblick zu den Steuern. Die Zehnte im Titel als Anfang bezieht sich auf die mosaischen Gesetze, die ein Opfer für den Tempel fordern. Was man sich vergegenwärtigen muss, ist die Tatsache, dass diese 10% auf dem Nettoertrag bemessen werden. Zu jener frühen Zeit ergab ein Teil Saatgut rund fünf Teile Ernte, von der Arbeit ganz zu schweigen.

Das Cartoon-Buch von Gonick kann man gar nicht genug preisen. Auch hier zur Geschichte, genauso genial wie sein Cartoon zur Statistik, ist es ein Born der Erkenntnis. Der Übergang von der Neolithischen Revolution im fruchtbaren Halbmond mit den Geschichten von Uruk, Babylon und Ägypten mit Verweis auf das alte Testament ist eine wahre Erbauung und ermuntert einen, die Geschichte von Gilgamesch einmal zu lesen. In der Schule wird dieser Abschnitt mit sehr grossen Schritten durchmessen.

Abbildung 2: Zweite Lehne

Die wechselvollen Kriege zwischen den sumerischen Königreichen von Umma, Lagash führen zur Absetzung des einen Königs, der von Urukagina, "the first tax reformer known to history", ersetzt wurde. Gonick (1990, 115) schreibt:
Urukagina cut taxes and fired the collectors, restored temple property, and passed many laws protecting widows, orphans and the poor from the greedy and more powerful neighbors. The tax cuts, however, created a new problem: Now the government's broke!
Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Geschichte (und sein Comic) gepflastert ist mit Steuern.

Dritte Lehne

Das ist nun das rote Sofa, eigentlich für eher kurze Aufenthalte bestimmt, wie zum Beispiel der Person am Herd moralischen Beistand zu leisten oder auf der Durchschreitung des Hauses eine kleine Denkpause einzulegen. Aufgrund der Lage nahe dem Eingang der Wohnstatt gehen postalische Neueingänge auch gerne über das Sofa.


Abbildung 3: Dritte Lehne
  1. Morari, Sergio. Il battaglione Intra : una storia di alpini. Verbania: Alberti libraio, 2006.
  2. Gerloff, Wilhelm. Die öffentliche Finanzwirtschaft. Frankfurt am Main: V. Klostermann, 1942.
Das Bataillon Intra hat eine spezielle Bedeutung für meine Familie, denn mein Grossvater hat dreieinhalb Jahre im Grossen Krieg in dieser Gebirgseinheit vom Lago Maggiore gekämpft. Sie gehörte zur Division "Taurinense" (Turin), auch wenn Soldaten aus lombardischen Seeseite eingegliedert waren. Kampf zuerst am Isonzo, dann auf dem Adamello, wo die Front sommers und winters auf über 3300 m.ü.M. verlief. Zwei Onkel waren später auch im Intra eingeteilt, der jüngere dann im zweiten Konflikt zuerst in Montenegro und dann in Jugoslawien. Dort hat der Einsatz einen sehr schlimmen Verlauf genommen, besonders im Kampf gegen Partisanen. Repressalien, Erschiessungen, angezündete Häuser. Im Buch heisst es dann mal verklausuliert, dass die Häuser nicht immer restlos geräumt waren. Geschichtsklitterung ist das Kennzeichen der eigenen Geschichtsschreibung. Es heisst dann mal:
Il Battaglione Intra fu spesso considerato indisciplinato ma, a rileggere questi eventi, quell' indisciplina si tradusse in un senso di rispetto per la dignità dell essere umano. Non sempre la gloria si ottiene attraverso l'uso delle armi.

Die Tragödie war aber der chaotische Kriegsaustritt am 8. September 1943, dem Befehle im Stil des Orakels von Delphi folgten. Der Generalstabschef Ambrosio war mit dem Umzug daheim beschäftigt. Der Onkel vom Intra floh dann aus dem Stammlager Fichtenhain bei Krefeld, ein andere verstarb als IMI und Zwangsarbeiter in Düsseldorf-Gerresheim. Todesursache: "metapneumonisches Empyem und Leberabszess".

Das Buch von Gerloff ist ein Klassiker für Spezialisten für Finanzwissenschaft und Steuern im Speziellen. Die mir vorliegende 2. Ausgabe ist aus dem Jahr 1942 und enthält, wohl vom System gefordert, ein paar kuriose Aussagen. Steuern erscheinen im Wandel der Zeit endlich als politische Institution des totalen Staates (Gerloff, 1942, 227):

Dem ökonomischen Liberalismus ist die Steuer ein Tausch oder ein Preis für geleistete Dienste, und die Steuerpflicht findet ihren Grund und ihr Maß in den Vorteilen, die der einzelne im Staate und durch den Staat genießt. Der historisch-organischen Staatsauffassung ist die Steuer ein Opfer, das der Staat nach Massgabe seiner Zwecke und Bedürfnisse und ohne Rücksicht auf gewährte Vorteile beansprucht. Dem Nationalsozialismus aber ist die Steuer weder Preis noch Opfer, sondern: die Steuer ist Dienstleistung an der Gemeinschaft. Nicht das Recht des Individuums und die ihm zuteil werdenden Gerechtigkeit ist das Entscheidende, sondern die Erhaltung und Förderung von Volk und Nation und  darüber hinaus die Verwirklichung einer neuen Gesellschafts- und Lebensordnung.

Fritz Neumark hat in einem Nachruf auf Gerloff geschrieben, dass er als charaktervolle Persönlichkeit schlecht ins Dritte Reich passte.  "Dienstleistung an der Gemeinschaft" ist ein völliges Hirngespinst und Geschwurbel eines totalitären Staates. Aber auch Frau Thatcher war der Ansicht, es gebe die Gesellschaft nicht. Dieses Buch ist um seiner soziologischen und historischen Teile willen sehr anregend.

Die zwei kleinen Hefter der Beck'schen Reihe handeln von Mesopotamien und dem Untergang des römischen Reichs.

A Farewell to Arms

In der folgenden Aufnahme sehen wir eine Kiste, für die Entsorgung bereit. Sie enthält Titel, und dies sind teilweise sehr teure Editionen, die sich um Risikomanagement, Kredit usw. drehen. Irgendwann kommt der Tag, andem man sagen muss, diese werde ich nicht mehr brauchen. Das Leben ist zu kurz und die Industrie verkürzt das produktive Leben zusätzlich, um auf gewisse Themen zurückzukommen. 

Entsorgung
Abbildung 4: Disponenda

(Damit ist auch Hemingway zu Ehren gekommen, der ebenfalls am Isonzo war.)

Fazit

Auf ein paar Armlehnen hat eine Menge Wissen Platz! Aber leider: ars longa vita brevis.

Donnerstag, 13. August 2020

Industriepolitik in Zeiten der Krise


Zusammenfassung

Die Welt ist nach der Corona-Krise eine andere; wir wissen aber nicht was sich geändert hat.
China zeichnet sich immer deutlicher als künftiger Hegemon ab, der die USA überflügelt. Seine Infiltrationsstretegie hat sich als raffiniert erwiesen, die subtiler als die USA ihre Interessen durchsetzt. Die USA ziehen sich noch mehr aus der fiktiven Weltregierung zurück und fördern damit die Chinesen.
In Zeiten von Krieg ist es wichtig, Alliierte zu haben und Schwerpunkte setzen zu können. Die Schweiz wird herausgefordert, neue Spielregeln anzuwenden. Der Musterknabe der Regelbefolgung hat ausgedient.
Mit der Corona-Krise hat sich das Portfolio der Eventualverpflichtungen des Bundes radikal verändert. Darin ist die Schweizerische Exportrisikoversicherung SERV mit rund 1% versichertem Exportvolumen ein Zwerg, wenn man sie in den Kontext der 50 Mrd. CHF Garantien stellt. Der Bund muss ein zentrales Management mit spezifischem Knowhow aufbauen. Darin wird die SERV-Verpflichtung enthalten sein und einem Vergleich mit den anderen Verpflichtungen ausgesetzt. Die geförderten Arbeitsplätze des Exports treten in Konkurrenz mit anderen Fördermassnahmen, z.B Start-ups der ETH etc.
Aufgrund des voraussichtlich länger andauernden Verlusts der Kreditwürdigkeit in Afrika, Lateinamerika und Fern-Ost werden weniger Infrastruktuprokjekte umgesetzt und die Konkurrenz der Anbieter erhöht. Die vom BR initiierte Förderung der Infrastrukurprojekte wird ohnehin Ende 2020 neu beurteilt.

Ziel und Zweck

Die Welt hat sich im Frühjahr 2020 radikal verändert. Durch die Corona-Krise sind neben der allgemeinen psychologischen, soziologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen aber auch schon latent oder wenig beachtete Verhältnisse deutlicher hervorgetreten.
Tempora mutantur, nos et mutamur in illis -- die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen--, wie die Lateiner schon sagten. Wie wir uns ändern, ist aber noch völlig unklar.
Was hat aber die Krise aufgedeckt? Die Erkenntnisse aus dem verwüsteten 20. Jahrhundert, Völkerbund, UNO, Bretton-Woods- Organisationen, die embryonalen Vorboten einer Weltregierung oder zumindest eines regelbasierten Auskommens der Völker sind am Zerfallen.
Ein unverstandener Riese im Osten erhebt sein Haupt, um immer deutlicher zu machen, wer der neue Hegemon ist.
Der Staat als letzte Zuflucht, der Insurer of last resort wird auch von den neuen Libertären in Anspruch genommen, als ob man die letzten dreissig Jahre Deregulierung, Eindämmung des Öffentlichen, "Washington Consensus", rückgängig machen könnte.
Der Staat sieht sich neuen Akteuren gegenüber, den riesigen Einzelunternehmen, wie Tencent, Alibaba, Facebook und Amazon, die Milliarden von Kunden und ihre Daten verwalten, keine Verantwortung dafür tragen oder gar ihren Heimländern zudienen.
In dieser Welt wäre die Maxime si vis pacem para bellum -- wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor -- eine ernsthafte Überlegung wert. Dies ist für die Schweiz allerdings ein absolutes Novum.
Im folgenden wollen wir eine zugegebenermassen negativen Ausblick geben, um Überraschungen vorwegzunehmen. Es soll keine Prophezeiung sein, man weiss aber ja nie.

Die alte Welt wie sie schon nicht mehr war

Zerfall der Ordnung

Die Fiktion einer Weltregierung durch Regeln und Institutionen sind im Ersten Weltkrieg entstanden, vom amerikanischen Präsidenten Wilson propagiert und dann von den USA nicht ratifiziert worden. Noch ein Weltkrieg hat dann die Welt in zwei Systeme geteilt, die sich als alleinige gültige Modelle dargestellt haben. Bis zum Ende des kalten Krieges und dem Zusammenbruch des sowjetischen Sozialismus sind etliche Millionen Menschen in Stellvertreterkriegen umgekommen. Da ist dann doch nicht das Ende der Geschichte ausgebrochen, wie es Fukuyama glaubte. Huntington prophezeite geopolitische Probleme an den Stellen, wo der Islam auf westliche Werte stösst. Der fundamentalistische Terrorismus ist die neue Front.
Die Vereinigten Staaten sind daran, die globalen Institutionen zu verlassen und wichtige Vereinbarungen zu kündigen. Institutionen wie die Bretton Woods Institutionen oder Entwicklungsbanken sind keine demokratischen Institutionen im dem Sinne, dass die ungleichen Geldgeber wie Aktionäre bestimmen. Diese Tendenz kann man nicht dem jetzigen Präsidenten alleine anlasten. Schon Bill Clinton und vor allem seine in Prag geborene Aussenministerin haben die Europäer regelmässig vor den Kopf gestossen. Bei näherer Betrachtung ist das aber nicht wirklich etwas Neues. Vor bald zwei Jahrzehnten schrieb Kagan (2003):
And, of course, Americans increasingly tend toward unilateralism in international affairs. They are less inclined to act through international institutions such as the United Nations, less likely to work cooperatively with other nations to pursue common goals, more skeptical about international law, and more willing to operate outside its strictures when they deem it necessary, or even merely useful.
Europeans insist they approach problems with greater nuance and sophistication.
Die Institutionen fussen auf den Gegebenheiten, wie sie bei der Gründung vorlagen. Beispielsweise ist es Japan als Kriegsverlierer nie gelungen, die der eigenen Wirtschaftskraft angemessene Vertretung, sei es in den Führungsgremien oder an Stimmkraft, zu erlangen. Weltbank und Währungsfonds werden seit jeher von Amerikanern und Europäern geführt. Sie haben es im Laufe der Zeit nicht verstanden, sich neuen Verhältnissen anzupassen, sondern sind in alten Schemata verblieben. Dadurch wurde auch die Bedeutung dieser Organisationen unterminiert.
So wie die Vereinigten Staaten die Institutionen als politische Instrumente verstehen, genauso tun es die Chinesen. Nur, der eine räumt das Feld, während der andere sich darin ausbreitet, beispielsweise bei der Weltgesundheitsbehörde.
Wenn alte Gefässe nicht brauchbar sind, kann man es ja mit neuen versuchen. Die IWG, International Working Group on Export Credits, wurde 2012 lanciert, um die Schwellenländer einzubinden, die nicht der OECD betreten können und vor allem wollen. Dieser Versuch, aus dem Alten auszubrechen, wird aber von den jetzt zu mächtigen Chinesen vereitelt.
Auch die Europäische Union, aus der Montanunion hervorgegangen und ein Kind des Krieges, ist durch die Corona-Krise noch stärker unter Druck, den Fliehkräfte entgegenzuwirken. Im geopolitischen Mächteverhältnis wird Europa als alt und schwach wahrgenommen, das nicht neue Entwicklungsschwerpunkte setzen kann. Es ist der alternde Konsument, der sich von Migranten bestürmt fühlt. Zudem lässt er sich nach der chinesischen Strategie "using the countryside to surround the city" spalten (analog hat China mit dem Teilstaat Victoria verhandelt und die Zentralregierung Australiens umgangen).

Modernisierung und Theorie

In der Nachkriegszeit herrschte lange die als Modernisierungstheorie bekannte Idee, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung werde durch Überwindung traditioneller Vorstellungen ermöglicht. Grob gesprochen wurde die anzustrebende Modernität mit dem Vorbild der westlich-kapitalistischen Gesellschaften gleichgesetzt. Tradition galt als überholt, nur endogene Faktoren waren Ursachen von Unterentwicklung. Fortschritt ohne Demokratisierung schien nicht machbar. Wir wissen, dass diese Idee gescheitert ist. China ist das beste, aber nicht das einzige Beispiel. Die Reu ist lang, der Wahn ebenso.
Die einfache Erkenntnis ist, dass auch Autokratien oder gar Diktaturen wirtschaftlich erfolgreich sein und vielleicht noch schneller im Materiellen vorankommen und dabei auch noch ihre eigenen Kulturmerkmale beibehalten können.
Das bedeutet für die sogenannt entwickelten Länder, beim Aufstieg einer neuen Wirtschaft eine zusätzliche Akkulturationsleistung erbringen zu müssen.

Der Hegemon

Der Aufstieg Chinas seit den 90er Jahren ist schier unglaublich (Economist,  2018). Seit 2013 ist China die grösste globale Volkswirtschaft gemessen am kaufkraftbereinigten Bruttonationalprodukt. In Dollar ist es allerdings immer noch einiges kleiner als die Vereinigten Staaten. Das Pro-Kopf-BNP hat sich seit 1990 verzehnfacht, wogegen es sich in anderen Schwellenländern nur verdoppelt hat.
Die Entwicklung hat bis auf zehn Millionen Chinesen fast alle 750 Millionen aus der Armut befreit und damit global für zwei Drittel der Abnahme gesorgt.
Anderseits hat die Volksbefreiungsarmee massiv investiert. Im Pazifik wären die Vereinigten Staaten schnelle durch Präzionswaffen der Chinesen ausgeschaltet. Wie ein neues Buch von Christian Brose (2020), einem Berater von John McCain, zeigt (The Washington Post, 2020):
Our spy and communications satellites would immediately be disabled; our forward bases in Guam and Japan would be “inundated” by precise missiles; our aircraft carriers would have to sail away from China to escape attack; our F-35 fighter jets couldn’t reach their targets because the refueling tankers they need would be shot down.
Vor ein paar Jahren (2007) haben die Chinesen zwei Satelliten in der Umlaufbahn mit einem bodengestützten sogenannten Kinetic Kill Vehicle zerstört.
Eine weitere negative Folge des Wachstums ist, dass China für rund 55% der Zunahme der Kohlendioxid-Emission verantwortlich ist.
Seit kurzem haben die Botschafter Chinas den Modus geändert, von zurückhaltend auf aggressiv. Zum Botschafter in Paris, Lu Shaye (The Wall Street Journal,  2020):
China’s ambassador to France, Mr. Lu, has risen through the Foreign Ministry’s ranks over the years as he advocated for tougher diplomacy. In a 2016 paper, published when he was policy-research director for the Communist Party’s top foreign-policy committee, Mr. Lu said Chinese diplomats must battle with the West and convince more countries to “accept China, as a major Eastern power, standing at the top of the world.
China kauft strategische Infrastrukur weltweit, im Westen sogar Hollywood-Produzenten und Fussballklubs, baut mit der Belt and Road Initiative Stützpunkte und potentielle Abhängigkeitsverhältnisse, versucht den Renmimbi als Weltwährung zu etablieren, baut eine Konkurrenz zum Zahlungsverkehrsanbieter SWIFT auf, und versucht auch noch die EU weiter zu spalten, indem sie Autokraten unterstützt etc.
Im Kampf mit den Vereinigten Staaten wird China als Kontrahent geadelt. China ist überzeugt, das bessere System zu vertreten und ist gewillt, dies in der Welt zu behaupten.
Der Westen ist aber nicht einfach ein Opfer. Er hat jahrzehntelang Geschäft den humanistischen Werten vorgezogen. Wir wollen nicht vergessen, wie der Westen Millionen von Chinesen in die Opiumabhängigkeit getrieben, einzelne sich schamlos bereichert und damit das Land gedemütigt hat. China hat dies nicht vergessen. China ist aber auch eine Zauberlehrling des Westens, den man nicht mehr einfangen kann.
China soll nicht bloss als Gefahr wahrgenommen werden, aber die Zeit der Unschuld und der Naivität sollte vorbei sein. Mit der Auslagerung unserer Produktion sind auch die entsprechenden Fertigkeiten mitgegangen. Dort wo keine secret sauce vorhanden ist, ist das Know-how weg.
Gewisse technologische Domänen sind jetzt schon fest in chinesischer Hand, nämlich u.a. die Künstliche Intelligenz, Block-chain, ja sogar Kryptowährungen. Das Crypto-Valley in der Innerschweiz ist ein Winzling. Man schaue sich das chinesiche Industrieprogramm von 2015 an. Es strebt die Führerschaft bis 2025 in folgenden 10 Bereichen an:
  1. Information Technology (AI, IoT etc.),
  2. Robotics  (AI, ML etc.),
  3. Green energy and green vehicles ,
  4. Aerospace equipment,
  5. Ocean engineering and high tech ships,
  6. Railway equipment,
  7. Power equipment,
  8. New materials,
  9. Medicine and medical devices,
  10. Agriculture machinery.
Wie sieht unsere Liste aus?

Das Unverständnis

Die meisten Leute im Westen wissen fast nichts über China, seiner Geschichte, seiner Kultur, ausser vielleicht der Kulinarik. Auch gebildete Menschen können nicht eine der besten Universitäten benennen -- nach dem Ranking der Times ist es die  Tsinghua University. Der Autor nimmt sich hier  nicht aus.

Abb. 1: Inglehart–Welzel Karte von 2011

Die Abb. 1 gehört zur sehr bekannten mehrjährigen Studie "World Values Survey", die 1981 begonnen wurde. Es gibt zwei Achsen: survival versus Self-Expression und traditionell versus sekulär-rational.
Traditionelle Werte gruppieren sich um die Religiosität, Familienbanden, Autoritätsgläubigkeit, Familienwerte, wie zum Beispiel Ablehnung von Abtreibung, Scheidung und Selbstmord.
Sekulär-rational ist dann das Gegenteil. Der Weg in Richtung Sekularität wird mit Zunahme von Wissenschaft und Bürokratie identifiziert.
Survival values werten wirtschaftliche und physische Sicherheit sehr hoch, haben einen ethnozentrisches Verständnis und  tiefe Vertrauens- und Toleranzwerte. Im Gegensatz dazu wertet "Self-expression" das subjektive Wohlbefinden, Selbstverwirklichung und Qualität des Lebens sehr hoch. Dazu gehört auch Umweltschutz, geringe Fremdenfeindlichkeit, Toleranz gegenüber anderen, hohe Anforderungen an Teilhabe und Demokratie usw.
Der Übergang von Überleben zu Selbstausdruck ist mit dem Weg von der Industriegesellschaft zur post-industriellen Gesellschaft gleichzusetzen.
Wenn man nun das Verhältnis von der Schweiz mit den USA und China vergleicht, dann sieht man u.a.:
  • wir sind ähnlich individuell-freiheitsliebend aber einiges moderner oder weniger religiös als die USA,
  • China ist extrem stark ethnozentrisch und sicherheitsbetont, was wir in der Schweiz und weiten Teilen Europas schon lange hinter uns gelassen haben.
Der zweite Aspekt kann man nicht einfach mit dem Wohlstandsniveau begründen. Selbst aufgeschlossene Chinesen, die im Ausland waren, finden den Westen konfus, chaotisch und beunruhigend. Deshalb befürworten sie auch bei uns nie akzeptable Überwachung und Kontrollen. Denn damit wird in ihren Augen Harmonie hergestellt.
Auf den ganz kurzen Nenner gebracht lautet die Dichotomie: Harmonie versus Freiheit. Aus dieser Perspektive ist China kein valabler Hegemon, sondern wird als übergriffig empfunden. Die offene Gesellschaft unterliegt seinen Feinden.
Dieses Jahrhundert sei das Jahrhundert Chinas. Wir sollten zumindest versuchen, unsere Eigenarten bewahren zu können, was wir aber sicher nicht alleine schaffen. Es gilt allgemein: Nur Vertrauen schafft Sicherheit. Kann man China trauen?

Corona-Krise

Da das Corona-Virus in China übergesprungen ist -- und dann als Covid-19-Erkrankung bezeichnet wurde -- sind erhebliche, sicher nicht gänzlich unberechtigte Vorwürfe an diese Regierung gemacht worden hinsichtlich Transparenz, Information, Kooperation etc. Mit einiger Verzögerung ist die Krankheit auch in Europa und dann in den Vereinigten Staaten ausgebrochen.
Neben den akuten sanitarischen Massnahmen sind bald die wirtschaftlichen in den Fokus gerückt. Schnell hat sich gezeigt, dass die Wirtschaft ein komplexes Geflecht ist, das man nur schwer steuern kann. Deshalb war der erste Reflex, Liquidität zu spenden, sicher sehr angezeigt.

Einnahmequellen aus Export sind in aller Munde. Nur steht man hier in ausgesprochener Konkurrenz mit immer mehr Anbietern um die Gunst von immer weniger und stärker krisengeschüttelten Bestellern. Technisch wäre es ein leichtes, das gentlemen's agreement (OECD Arrangement) zu unterlaufen. Aber zum einen verliert man potentielle Verbündete, die man später noch brauchen wird und setzt öffentliche Gelder nicht effizient ein. Zudem sind Länder mit deutlichem Handelsbilanzüberschuss nicht sehr beliebt, denn es besteht der Vorwurf, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Wenn man dann noch der Vorwurf der Währungsmanipulation hinzukommt, kann es auch einseitige Sanktionen provozieren.

Finanzierung und Garantien

Die Pandemie hat die Wirtschaft und das soziale Leben während beträchtlicher Zeit lahmgelegt. Rund 37% der Arbeitnehmenden sind in Kurzarbeit getreten. Aufgrund der  verschiedenen Gefässe ist ein Überblick nicht ganz einfach. Grössenordnungsmässig sind rund 70 Mrd. CHF zur Verfügung gestellt worden, wobei 20 Mrd. CHF an Arbeitnehmer gehen und 50 Mrd. CHF als Kreditgarantien ausgereicht wurden.

Kredite kann man in Finanzierung und Kreditrisikoübernahme aufteilen und dann den zwei Akteuren zuweisen, die da sind der Bund für das Risiko und das Bankwesen für die Finanzierung. Nun gilt es die Garantien zu verwalten.

Verlorene Kreditwürdigkeit

Die meisten Wirtschaftsminister beschwören die Gemeinschaft, den internationalen Handel und die Exporte aufrecht zu erhalten. Exporte auf Kredit (on credit terms) zu tätigen ist aber schwierig. Wie Tabelle unten zeigt, haben sich die Ratings erheblich verschlechtert. Damit wächst das Risiko von Exporten, und zwar nicht nur kurzfristig sondern auch auf fünf Jahre hinaus.

  Ratingverschlechterung in "Notches" auf der Basis von Sovereign CDS (Quelle: Risk Control Limited, 22.5.2020).}

RegionKurzfristigMittelfristig [5a]
Europa21.3
Naher Osten3.12.4
Asien-Pazifik2.62.9
Süd- und Lateinamerika2.92.8
Afrika4.33
Finanzinstitute haben sich noch nie, entgegen einer etwas oberflächlichen Logik, der Risikoabgeltung hingegeben. Konkret heisst das, dass man nicht einfach höhere Prämien verlangt angesichts höherer Risiken. Man arbeitet daneben mit der Risikokontingentierung, um ein sicheres Geschäft zu betreiben.

Aufgrund der neuen Lage muss sich ein Kreditversicherer der Frage stellen, wie er die Versicherbarkeit neu beurteilt. Es kann nicht sein, dass er fälschlicherweise annimmt, auch in den Schaden versichern zu müssen. Aber Kontingente werden nicht beliebt sein und die Frage nach der Gleichbehandlung aufwerfen.

Aus der Corona-Krise ergibt sich eine Notwendigkeit, die staatliche Aufgaben in Abgrenzung zur privaten Wirtschaft zu überdenken und neu zu organisieren.

Last Resort

Der Staat ist wieder als letzte Bastion, als "last resort" in Anspruch genommen worden. Die britsche Regierung formuliert ganz aktuell (HM Treasury, 2020, 6):
The spread of democracy and the rise of the welfare state over the late 19th and 20th centuries saw the government’s role guarding citizens against risk grow. As part of its responsibility to citizens the government now plays the role of insurer of last resort in a wide range of markets including flood risk, terrorism insurance, travel protection and supporting lending to small businesses. The insurer of last resort role creates liabilities that are uncertain but that may lead to future expenditure if specific conditions are met or specific events happen. Such liabilities are known as contingent liabilities. 
Das IMF (2017) hat die Thematik auch schon besprochen.
Ganz aktuell sind in der Schweiz die 50 Mrd. CHF an Kreditgarantien dazugekommen. Das zwingt zu einer organisatorischen Neufokussierung. Die Garantien des Bundes sind über viele Departemente und Dienststellen verteilt, man denke an die  Schiffsbürgschaften, die ECA, die Arbeitslosenversicherung etc. Es gibt kein erkennbares zentrales Management.

Contingency Management

Contingent Liabilities sind Eventualverbindlichkeiten. Sie nehmen beim Staat vor allem zwei Formen an, nämlich:
  •  Finanzgarantien und
  •  Versicherungen.
Hier vernachlässigen wir Rechtsfälle des Staates oder Haftpflichten in Zusammenhang mit staatlichen Aktivitäten, z.B. Sprengung eines Munitionslagers, atomarer Störfall etc. Auch gezielte Steuererleichterungen sind ein Instrument der Absicherung und Förderung des Staates, die es nicht zu vergessen gilt.

Während Garantien drei Parteien umfassen, nämlich Garant, Antragsteller und Begünstigter, sind Nicht-Leben-Versicherungen nur zweiseitig. Bei Versicherungen sind die üblichen Prinzipien gültig, wie Schaden als Voraussetzung von Entschädigung, Zufälligkeit des versicherten Ereignisses etc.

Die Corona-Krise wird dazu führen müssen, dass der Staat ein explizites, professionelles Risikomanagement seiner Eventualverpflichtungen einrichtet. Nur so kann es die knappe Ressource einigermassen effizient und transparent beherrschen.
Das bedeutet für die Exportförderung, dass ihre Leistung dem Vergleich mit anderen Risikoquellen ausgesetzt wird. Wo steht  die SERV in einem solchen Vergleich? Die SERV bindet rund 3 Mrd. CHF an Eigenkapital.  Dieser Betrag ist in der neuen Welt nach Corona zwergisch.
Die Export und Import-Zahlen in absoluten Grössen zeigt folgende Zusammenstellung für das Jahr 2019:

Export312
Import276
Saldo36
Hierzu muss man die Deckungssumme für das entsprechende Jahr der SERV vergleichen:  3.6 Mrd CHF (Geschäftsbericht 2019). Das sind 1.15% des Exports. Und wenn man nur die Schweizer Wertschöpfung berücksichtigt, dann ist es noch weniger, Merchanting nicht enthalten ist.

Schwerpunkte und Allianzen

Dass der Hegemon ein Schweinehund sein muss, um auf der Welt eine gewisse Ordnung durchzusetzen, ist nicht neu. Der Unterschied liegt darin, dass die USA trotz allem unserer Kultur und Tradition viel näher liegen als China. Man schaue dazu nochmals auf die Abb.~\ref{fig:ingle}. Zudem haben sich die Technologien soweit verändert, dass man kaum mehr Vertrauen aufbauen kann. Kontrolle ist nicht mehr möglich.
Wenn man mit einem künftigen Hauen und Stechen in den internationalen Beziehungen rechnen muss, wie kann man sich wappnen? Zwei Ansätze kennt man auch aus der Schweizer Geschichte:
  •     Allianzen und
  •     Schwerpunktsbildung.
Allianzen in der Form von bilateralen Verträgen sind ein Schweizer Dauerthema. Durch die Krise und deren Behebung kann es aber durchaus sein, dass es hier zu einem Durchbruch kommt. Mit einem schwachen Partner zu koalieren ist natürlich nicht sehr appetitlich, doch muss man damit Vorlieb nehmen und versuchen, den Partner zu stützen. Es sind unsere wichtigsten Handelspartner, quand même.

Die Bildung von Schwerpunkte ist in normalen Zeiten nicht besonders beliebt, weil sie dem Grundsatz der Gleichbehandlung zuwider läuft. Doch erwarten wir normale Zeiten?
In den Zeitungen wird gerne auf Legionen von "Hidden Champions" verwiesen (siehe Abb.~\ref{fig:export}). Es ist aber nicht klar, ob man damit technische Exzellenz oder auch wirtschaftliche meint. Dem beiläufigen Auslandaufenthalter treten vor alle Lifte von Schindler, Bahnen von Habegger und Spülungen von Geberit entgegen. Bekanntlich sind es aber vor allem Biotechnologie, Chemie und Pharma etc. Schwerpunktbildung bedarf der genauen Lagebeurteilung.
Abb. 2:Verlauf der wichtigsten Exportgüter (Quelle: BfS)

Industriepolitik

Das Wort "Industriepolitik" ist in der Schweiz aus unerfindlichen Gründen ein Tabu. Diese sind jetzt zu überwinden. Irgendwann muss man Ross und Reiter benennen. Nur den Garten der Rahmenbedingungen à la Pangloss zu bestellen reicht nicht.
Der Bundesrat liess am 19.11.2019 folgendes verlauten:
Der weltweite Bedarf an Infrastrukturinvestitionen wird bis ins Jahr 2040 auf bis zu 90 Billionen US-Dollar geschätzt. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung versprechen ausländische Infrastrukturgrossprojekte auch Chancen für Schweizer Firmen in Bereichen wie Schienenfahrzeuge, Energie, Umwelttechnik oder Infrastrukturbetrieb sowie für Finanzdienstleister. Dabei positionieren sich die meisten Schweizer Firmen in der Regel als Zulieferer von international tätigen Generalunternehmen.
Bis Ende 2020 wird der Bundesrat entscheiden, ob neben der Errichtung einer Koordinationsstelle weitergehende Massnahmen notwendig sind.
Aber man könnte argwöhnen, es handle sich um mehr vom Gleichen und vom Alten. Zudem ist der Erfolg in der Post-Corona-Welt eher zweifelhaft.

Ist dies nun die oben verlangte Schwerpunktbildung? Bei Schienenfahrzeugen und Energie kommen einem sogleich die entsprechenden Namen in den Sinn. Diese zwei Firmen beschäftigen in der Schweiz direkt rund 6000 Angestellte.

Industriepolitik in Zeiten von Post-Corona sollte vor allem die Spitzenunternehmen mit langfristigem Potential mit viel implizitem, d.h. auch nicht einfach kopierbarem, Wissen fördern. Eine informelle Mitwirkung an der deutschen Wasserstoff-Initiative wäre ein lohnenswerter Ansatz.

Schlussfolgerungen

Wir gehen von der Neuordnung der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Lage aus, die mit den Verheerungen der Pandemie dazu führt, dass sich auch die Schweiz neu positionieren muss. Der Bund wird ein dezidiertes Management ihrer neuen und alten Verpflichtungen aufbauen müssen, das sich auch auf die Exportförderung auswirkt.

Das Management der Contingetn Liabilities wird sich neu begründen müssen und in den Wettstreit mit anderen gemeinwirtschaftlichen Aufgaben eintreten. Aus dieser Perspektive scheint es uns ratsam, viel stärker in die Breite zu gehen und sich für eine baldige Unterstützung einer schwerpunktsmässigen Industriepolitik glaubhaft zu empfehlen.
Es ist wichtig, dass man das Spiel versteht. Wenn man mit den Golfschlägern auf dem Tennis-Court erscheint, hat man schlechte Karten.

Die hier vorgestellten Argumente mögen etwas plakativ erscheinen, aber sie sollen durch ihre Dringlichkeit motivieren. Anders wäre Carthago auch nicht zerstört worden.

Referenzen

Brose, C. (2020). The kill chain : defending America in the future of high-tech warfare. Hachette Books, New York.
Economist (2018). The chinese century is well under way. Economist. https://www.economist.com/graphic-detail/2018/10/27/ the-chinese-century-is-well-under-way.
Freedman, L. (2013). Strategy : a history. Oxford University Press, Oxford New York.
HM Treasury (2020). Government as insurer of last resort: managing contingent liabilities in the public sector. Publication, UK Government, London. https://assets.publishing.service.gov.uk/government/ uploads/system/uploads/attachment_data/file/871660/06022020_ Government_as_Insurer_of_Last_Resort_report__Final_clean_.pdf. IMF (2017). How to Strengthen the Management of Government Guarantees. How to notes, International Monetary Fund. https://www.imf.org/en/Publications/ Fiscal-Affairs-Department-How-To-Notes/Issues/2017/10/19/ How-to-Strengthen-the-Management-of-Government-Guarantees-45201.
Kagan, R. (2003). Of Paradise and Power : America and Europe in the new World Order. Vintage Books, New York.
The Wall Street Journal (2020), "China’s ‘Wolf Warrior’ Diplomats Are Ready to Fight", May 19, 2020.
The Washington Post (2020) "Think we have military primacy over China? Think again", May 13, 2020

Montag, 30. März 2020

Corona: Stichprobe oder Springt der Elefant von der Klippe?



Caveat lector, der oder die Lesende sei gewarnt. Während in einem früheren Blog ein rechtes Stück Mathematik abverlangt wurde, ist der "flavor of the day" nicht Vanilla sondern ein wenig Latein-Stracciatella.  Wie man weiter unten sehen wird, ist die Botschaft dieses Blogs ziemlich einfach und schnell erzählt. Gerade deshalb werde ich zum Schwadronieren verleitet. Gardini (2018) plädiert für das Studium des Lateins um seiner Schönheit willen und nicht wegen seines Nutzens. Zum Nutzen im allgemeinen kommen wir noch.

In der Aeneis von Publius Vergilius Maro, kurz Vergil, heisst es über Tarus, den Aeneas töten wird: "exsuperat magis aegrescitque medendo" also er brauste noch mehr auf und erkrankte durch die Heilung. Medendo ist ein Gerundium vom unvollständigen Deponens mederi, heilen (das Wort medicus ist nicht weit weg). Der zweite Teil, aegrescitque medendo, wird meist gegenwärtig verstanden als: Die Kur ist schlimmer als die Krankheit.

Damit sind wir wieder beim allgegenwärtigen Covid-19 und seinen Folgen. Die Kur besteht in den immer weiter verschärften Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektion. Diese gehen an die Grenze des psychologisch und emotional Erträglichen und führen sicher zu enormen wirtschaftlichen Verwerfungen, die auch im Zeitverlauf kaum absehbar sind. Momentan herrscht ein Konsens, dass die Gesundheit der Wirtschaft Vorrang hat, respektive das wirtschaftliche Problem nur mit hohen Liquiditätsspritzen überbrückt werden kann. Die Metapher von der Brücke unterstellt, dass wenn man drüben ist, alles wieder wie bis anhin weitergeht.

Es wird aber der Augenblick kommen, an dem man entscheiden muss, die wirtschaftliche und soziale Tätigkeit wieder hochfahren zu wollen, möglicherweise in Stufen. Hier kommt man zu einer Abwägung, die der Staat nur hinter verschlossenen Türen, wenn überhaupt, führt, sie nie an die grosse Glocke hängt. Den Ökonomen ist natürlich klar, dass ein jeder Staat mit knappen Ressourcen umgehen muss und nicht alle Begehrlichkeiten befriedigen kann. In gewisse Abwägungen kommt dann der Wert des Lebens zur Sprache. Es sind meist unangenehme Probleme, die man frigido pacatoque animo angehen muss: Der Kanton möchte mit einer Investition von 300'000 eine Leitplanke errichten. Zwei Kurven haben dieselbe Charakteristik, nämlich ein Todesopfer alle 10 Jahre. Eine Gemeinde hat ein durchschnittliches Steuersubstrat von 200'000 pro Kopf, die andere von 100'000. Wo platziere ich die Leitplanke?

Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptkonzepte für den Wert des Lebens herausgebildet (Robinson, 1986), nämlich:
  • die Humankapital-Betrachtung und
  • die Zahlungsbereitschaft (Willingness-to-pay).
Das Humankapital wird als Barwert des künftigen Einkommens, unter Einbezug der Sterbetafel und anderer Faktoren, bestimmt und als Wert des Lebens identifiziert. Die ökonomische Philosophie dahinter ist das "Laissez-Faire" eines Staates, der das "Wealth-of-Nation" maximiert, konkret etwa die USA. Damit ist auch die Platzierung der Leitplanke beantwortet.

Die Zahlungsbereitschftstheorie geht von den subjektiven Preisen aus, welche die Individuen auch für das Leben zu zahlen bereit sind. Meist nimmt die Bereitschaft mit steigendem Alter ab, wird aber durch die höhere Zahlungsfähigkeit wieder aufgewogen. In den meisten europäischen Ländern verwendet man diesen Rahmen. Beide Konzepte sind in der Nutzentheorie von Jeremy Bentham eingebettet (siehe Hirshleifer, 1984). Der Empfohlene Wert der Zahlungsbereitschaft für die Verminderung des Unfall- und Gesundheitsrisikos in der Schweiz beträgt 6.7 Mio. CHF.

Nun wäre es allerdings wichtig, die Mortalität von Sars-CoV2 zu kennen. Diese ist nur mit grossen Margen zu schätzen, denn die genaue Zahl von Toten steht keiner genauen Zahl von Infizierten gegenüber.

Wie die Abb. 1 anhand aktueller Zahlen zeigt, kann man die Anzahl Toter im Verhältnis zu den Infizierten nicht als Schätzer für die Mortalität verwenden. Zum einen hängt die Zahl von der Anzahl und der Systematik der Test ab. Unter Knappheit von Testmöglichkeiten, sei es wegen der Test-Kits sei es der Laborkapazität, wird  nur ein Stratum, eine Schicht, wie der Statistiker sagt, analysiert. Aber auch der Zähler, die Todesfälle, kann unterschiedlich definiert sein, denn sehr Häufig liegt eine sogenannte Komorbidität vor. Für die Erforschung dieser Infektion scheint es aber sinnvoll, alle Fälle mit Covid19 auch nur als Kofaktor als solche zu kategorisieren.

Zum dritten sind die Kurven zeitlich verschoben, weil sich die Ausbreitung in verschiedenen Stadien befindet, alle allerdings im Eindämmungsmodus. Die Möglichkeit, einzelne Infektionen mitsamt ihrer Übertragungskette zu isolieren, ist vorbei.
Abb. 1: Tote im Verhältnis zu den Infizierten (eigentlich positiv Getestete).


Abb. 2: Tote im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Für Norditalien muss man einen Faktor von mindestens 1.5 hinzumultiplizieren.

Aufgrund der Knappheit von Tests zur Feststellung des Vireninfekts wurden diese diagnostisch für Personen mit mindestens zwei typischen Symptomen und der Zugehörigkeit zu den Risikogruppen oder dem behandelnden Personal verwendet. Ein zweiter Test kann das Vorhandensein von Antikörpern finden und damit die Überwindung der Infektion dokumentieren. Die ausschliesslich diagnostische Verwendung der Tests ermöglicht keine genau Schätzung der Parameter, so dass die Massnahmen und deren Konsequenzen nicht präzis genug getroffen und vorhergesehen werden können.

Es wird immer wieder von Experten vermutet, die Anzahl Infizierter oder Genesener sei viel höher als die Anzahl Getesteter. Diese Lücke beschreibt die asymptomatischen oder nur gering symptomatischen Patienten. Es wird von Faktoren von 10 bis 20 gesprochen. Die Abb. 2 lässt eine solche Vermutung plausibel erscheinen. Es ist absolut essenziell, sobald genügend Testsets vorhanden sind, eine oder mehrere statistisch relevante Stichproben zu ziehen.

Das Design von Stichproben ist eine hohe Kunst, vor allem wenn man sie effizient und unter Einbezug belastbaren Vorwissens gestalten will. Grob gesprochen unterscheidet man reine Zufallsstichproben (random sample), bei denen die Zufälligkeit das Problem ist, und geschichteten (stratifizierte) Zufallsproben. Die Antworten oder Schlussfolgerungen hängen auch davon ab, ob man auf das Virus testet oder auf die Antikörper. Wichtig sind Erkenntnisse, die man für das Wiederhochfahren der Wirtschaft brauchen kann. Am Point-de-Presse vom 30.3.2020 hat der verantwortliche Beamte, Dr.med. Daniel Koch, wenig Einsicht für ein solches Vorhaben gezeigt, leider.

Der Stanford-Epidemiologe und Statistiker John Ioannidis, ein zum Teil unbeliebter Rigorist (Ioannidis, 2005), hat in einem Artikel (Ioannidis, 2020) die Situation einer massiven Überreaktion der Massnahmen angesichts der Wirtschaft folgendermassen beschrieben:
It’s like an elephant being attacked by a house cat. Frustrated and trying to avoid the cat, the elephant accidentally jumps off a cliff and dies.
Die Hauskatze ist das Massnahmenpaket zur Eindämmung der Infektion und der Elefant ist die Wirtschaft. Ob diese Sicht der Dinge in der Realität besteht, ist noch wenig klar. Vorsichtshalber sollte man vor Vorliegen von wissenschaftlich erhobenen Daten dem Elefanten keine Lockerungen zugestehen.

Wie Marcus Tullius Cicero schon anmerkte, besteht für den Kranken Hoffnung solange er atmet: Aegroto dum anima est spes est. Und wenn nicht, kann uns Morpheus helfen bei der ars bene moriendi.


Postscriptum

Diejenigen, die nur das Latein für Angeber beherrschen, straucheln dann spätestens bei der u-Deklination. Dann hört man von den verschiedenen Stati. Das ist dann mal das Partizip Perfekt im Plural zum Verb stare. Der Plural von status ist statu(u)s. Das Wort virus, Gift, im Latein ein Neutrum, besitzt keinen Plural und lautet auch virus im Akkusativ.

Literatur

Gardini, N. (2018). Viva il latino : storie e bellezza di una lingua inutile. Milano: Garzanti.


Hirshleifer, J. (1984). Price theory and applications. Englewood Cliffs, N.J: Prentice-Hall.

Ioannidis J. P. (2005). Why most published research findings are false. PLoS medicine2(8), e124. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.0020124

Ioannidis, J. P. (2020). In the coronavirus pandemic, we're making decisions without reliable data. Retrieved 28 March 2020, from https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/

Robinson, J. (1986). Philosophical Origins of the Economic Valuation of Life. The Milbank Quarterly, 64(1), 133-155. doi:10.2307/3350008

Daten

https://github.com/CSSEGISandData/COVID-19/tree/master/csse_covid_19_data/csse_covid_19_time_series